Gemeinde Tamm

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Geschichte des Vereins

Die Vorgeschichte

Schon sehr früh finden sich im Archiv der evangelischen Kirchengemeinde Hinweise auf Krankheitsnöte. Auch im Gefolge der immer wieder das Land überflutenden Heerhaufen, traten Seuchen auf. Ein Eintrag von 1722 erwähnt »22 Erwachsene gestorben an der leidigen Seuche - ohne jene aus Nachlass der Natur« (Altersschwäche). Im Jahre 1726 hatte Tamm 512 Einwohner. 1791 starben viele »am hier grassierenden Faul- und Gallenfieber«. Von dieser Zeit ab ist in den »Recreß- und Rescriptenbüchern« das Bemühen der Verantwortlichen um die Abwendung vermeidbarer Nöte für die Bevölkerung nachzuweisen.

So wird zum Beispiel ab 1788 immer wieder auf die Gefährdung von Kindern durch den Genuss von Tollkirsche und Stechapfel hingewiesen. Den Ortsgeistlichen und Schullehrern wird zur Pflicht gemacht, alljährlich in den Monaten Mai und August, durch Belehrung mit Abbildungen und in der Natur auf diese Gefahr hinzuweisen.

Der örtliche Wundarzt, auch Chirurg genannt, wurde ermahnt, die häufig auftretende Krätze sorgfältiger zu behandeln. Dagegen wehrte er sich allerdings; es sei bei den beengten Wohnverhältnissen nicht möglich. Einige Kinder aus dem überfüllten Armenhaus wurden dann auf Tammer Familien aufgeteilt. Zu erklären ist wohl noch, dass Chirurg oder Wundarzt, die in den alten Niederschriften als verantwortlich für die Versorgung der Kranken in den Gemeinden genannt werden, Männer waren, die von den Amtsärzten in handwerklicher Weise für diesen Dienst ausgebildet waren. Sie wurden auch von den Amtsärzten kontrolliert. In der Regel durften sie nur äußere Krankheiten und Verletzungen behandeln. Wir sehen, es wurde durch Anordnungen der Württ. Herzöge, »von Amts wegen streng auf Ordnung geachtet«.

1851 machten die Tammer mehrere Versuche sich selbst zu helfen. Von dem zu der Zeit neu eingeführten Pfarrgemeinderat wurde ein »Krankenpfleger« gewählt. Er sollte Frauen aus der Gemeinde auffordern, für Kranke und ihre Familien zu kochen. Auch die konfirmierten Jungfrauen sollten dazu aufgefordert werden. Der Pfarrgemeinderat selbst teilte den Ort der Hauptstraße entlang unter sich auf. Ihnen oblag die Zuweisung einer Hilfskraft, aber auch die Unterrichtung des Pfarrers über einen Kranken oder sonstigen Notstand. Also keine pflegerische Maßnahme, sondern aufmerksam machen.

1865 berichtet der Pfarrer, dass der nunmehr verstorbene Schlitzer nicht einmal ein ordentliches Bett gehabt hätte. Er, der Pfarrer, habe sich daraufhin an den Paulinenverein zur Unterstützung armer Landleute in Ludwigsburg gewandt und von dort ein Bettstück erhalten. Dieses sei nun im Pfarrhaus zum Ausleihen aufbewahrt. 1892 wird ein Nachtststuhl angeschafft. Ebenso werden aus der Jakob Meyle'schen Stiftung zwei Kranke mit je 3,83 Mark bedacht.

1925 - der Krankenpflegeverein entsteht

Inzwischen tut sich auf der Bezirksebene einiges: Am 1. Januar wird über Beiträge für das Mathildenstift in Ludwigsburg berichtet und im April 1869 findet sich folgender Eintrag im Protokollbuch: »Dr. August Hermann Werner bietet die Aufnahme von schnell erkrankten erwachsenen männlichen Kranken an, auch Ortsarme. Verpflegungsgeld tägl. 30 Kreuzer. Für bemittelte Kranke hängt der Preis von den Ansprüchen und besonderen Umständen ab«. 1885 wird in Asperg eine Krankenpflegestation errichtet. »Im Anschluß hieran legt sich die Frage nahe, den hiesigen Krankenkostverein zu stärken«. Von da ab taucht in den Protokollen des Pfarrgemeinderats immer wieder die Frage auf, ob es nun doch an der Zeit wäre, einen Krankenpflegeverein zu gründen. Aber erst nach dem ersten Weltkrieg war es soweit. Im Mai 1925 kam als erste Gemeindekrankenschwester Marie Spielmann vom Mutterhaus der Olgaschwestern in Stuttgart nach Tamm. Die bürgerliche Gemeinde sorgte für die Wohnung und Einrichtung. Die Verwaltung des Vereins übernahm Herr Oberlehrer Digel, später Herr Staudt und ab 1949 das Ehepaar Füller.

1925 bis 1973 - Zusammenarbeit mit dem Diakonissenmutterhaus der Olgaschwestern in Stuttgart

Interessant sind noch die Bedingungen des Mutterhauses zur Entsendung einer Schwester in eine Gemeinde: »Die Direktion wird, wenn eine passende Schwester vorhanden ist, sie einer Gemeinde nicht eher zuschicken und zum Dienst überlassen, als bis diese nachgewiesen hat, dass sie auf ihre Kosten die Schwester mit einer einfachen möblierten Stube in einem anständigen und christlichen Haus, mit einem Bett und der nötigen Bett- und Tischleinwand, Hand- und Putztüchern sowie mit Ofen, Feuer und Licht, mit anständiger täglicher Kost versorgt wird. Außerdem ein Gehalt von 40 Talern jährlich. Unverwehrt muss es ihr sein, auch bei großem Arbeitsanfall, mindestens einmal am Sonntag einen Gottesdienst zu besuchen. Über das Mittagessen soll eine Stunde frei sein und sie hat am Tag eine weitere Stunde anzusprechen zur Erholung in frischer Luft«.

1943 kam Schwester Babette Messerschmidt nach Tamm. Sie unterstützte Schwester Marie und übernahm dann selbständig den Dienst. Schwester Babette ist in Tamm zu einem Begriff geworden. In den langen Jahren ihres Hierseins - 30 Jahre im Dienst und anschließend noch einige Zeit im Ruhestand - war sie mit Tamm und den hier lebenden Familien eng verbunden. Was hat sie aber auch für Entwicklungen mitgemacht. Zuerst musste sie alle Besuche bei Tag und Nacht zu Fuß machen, dann mit einem geschenkten alten Fahrrad. 1955 wurde vom Verein aus Spendengeldern ein Moped für DM 560,- angeschafft. Die größte Umstellung aber kam für sie, als 1965 ein alter Volkswagen gekauft wurde. Als Schwester Babette die Fahrprüfung machen musste, hat die ganze Gemeinde mitgezittert. Aber mit Hilfe von Frau Kammerer, der Fürbitte und der Schwesternhaube gelang es. Als das Fahrzeug mit der Zeit an der Karosserie brüchig wurde, hat es die gute Babette mit Leukoplast verklebt.

Die Zeit nach der Währungsreform 1948 war finanziell schwer zu bestehen. Es gab noch keinerlei Zuschüsse und keine Ersätze von den Krankenkassen. An das Mutterhaus aber mussten monatlich die vorgeschriebenen Beiträge abgeführt werden und für die Gemeindekrankenschwester natürlich das Haushaltsgeld. Die Entwicklung ist an den nachstehend genannten Jahren abzulesen:

1950

  • Mutterhaus DM 50,-
  • Haushaltsgeld  DM 90,-
  • + jährlich DM 8,- Urlaubsgeld!

1973

  • Mutterhaus DM 900,-
  • Haushaltsgeld  DM 250,-

Für das Ehepaar Füller und später Frau Stoll gab es große Sorgen. Herr Lemanski als Vorstand versuchte durch vielerlei Aktionen Geld zu beschaffen.

1973 - Zeit der Umstrukturierung und Weiterentwicklung

Wegen Nachwuchsmangel endete nach beinahe einem halben Jahrhundert die Zusammenarbeit des Krankenpflegevereins mit dem Diakonissenmutterhaus der Olgaschwestern in Stuttgart. Schwester Babette Messerschmidt wurde in den Ruhestand verabschiedet. Nach Schwester Babette kamen als Gemeindekrankenschwestern Frau Reischauer, Frau Naumann, Frau Schips, Frau Rueß und Frau Pasetto. Einige Jahre waren auch noch Frau Kaufmann, Frau Schnabel und Frau Weissert beim Krankenpflegeverein tätig.

Auf Betreiben von Herrn Bürgermeister Lehmann und Herrn Pfarrer Enslin erhielt der Krankenpflegeverein 1973 eine neue zeitgemäße Rechtsform. Die Satzung wurde neu gefasst. Der Krankenpflegeverein bekam einen Eintrag in das Vereinsregister als gemeinnütziger, rechtsfähiger Verein. Die Struktur des Krankenpflegevereins Tamm e.V. wurde bewusst überkonfessionell aufgebaut.

1979

Das Sozialministerium nahm einen völligen Umbau der Finanzierung der Gemeindekrankenpflege vor. Um einen Anspruch auf Landes- und Kreiszuschüsse geltend machen zu können, schloss der Krankenpflegeverein einen Kooperationsvertrag mit der Diakoniestation Bietigheim-Bissingen.

1989

Der Krankenpflegeverein wurde Mitglied im Evangelischen Landesverband für Diakonie-Sozialstationen in Württemberg e.V..

1995

Mit dem Inkrafttreten der Pflegeversicherung wurden alle Landes- und Kreiszuschüsse gestrichen. Der Grund, der zur Kooperation mit der Diakoniestation Bietigheim-Bissingen führte, war somit nicht mehr gegeben. Um die häusliche Pflege weiterhin vor Ort zu haben, beschlossen Vorstand und Ausschuss des Krankenpflegevereins die Kündigung des Kooperationsvertrages und in der Folge davon die Einstellung eines Pflegedienstleiters.

1996 - Aufbau der Sozialstation im Alten Rathaus

Seit dem 1. Januar 1996 ist der Krankenpflegeverein Tamm ein selbständiger ambulanter Pflegedienst mit eigenem Versorgungs- und Vergütungsvertrag mit den Krankenkassen. Die Gemeinde Tamm überließ dem Krankenpflegeverein drei Geschäftsräume im Alten Rathaus. Die Station ist Anlauf- und Verwaltungsstelle sowie Schaltstelle des Pflegebereiches.

Es bleibt noch die Frage, ob bei all den Umstellungen und Änderungen, die Krankenpflegevereine heute noch die Bedeutung haben wie bei der Gründung. Hier sei eine Veröffentlichung des Diakonischen Werkes angeführt. »Nicht Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit, nicht Pflegeversicherung in Miniatur kann ein Krankenpflegeverein sein, sondern eine Gemeinschaft, in der sich Menschen zusammentun, um mit finanziellem Beitrag, mit Rat und Tat eine gute Sache zu unterstützen.«

Eine Sache, die in der bürgerlichen Gemeinde und der Kirchengemeinde immer eine Bedeutung und einen Auftrag haben sollte.